Géraldine Fasnacht

Nach der Talabfahrt mit dem PostAuto nach Hause!

Géraldine Fasnacht (29) wurde in Lausanne geboren. Vor ihrer Karriere als professionelle Snowboarderin hat sie sechs Jahre bei Swissport in Genf gearbeitet. Neben den drei Siegen am Xtreme in Verbier hat sie in den letzten Jahren mehrere Abfahrten der Freeride World Tour gewonnen und sich dem Base-jump gewidmet. Zudem organisiert sie Seminare für Unternehmen.

Interview mit Géraldine Fasnacht, Snowboardprofi

Sie praktizieren Sportarten wie Freeride und Basejump. Was fasziniert Sie so sehr an den Bergen?

In den Bergen fühle ich mich am wohlsten. Nach dem tödlichen Unfall meines Mannes blieb für mich die Welt stehen. Ich habe seinen Tod allen zum Vorwurf gemacht. Nur dank der Berge ist es mir gelungen, mein Gleichgewicht wiederzufinden.

Wie gehen Sie mit Ihren beruflich bedingten Risiken um?

Wenn man in der Natur ist, kann man nicht alles unter Kontrolle haben. Die Berge verändern sich ständig. Die Vorbereitung und die genaue Beobachtung der Hänge darf man nie auf die leichte Schulter nehmen. Training und Ausbildung sind wichtig, um die Risiken zu verringern.

Fahren Sie in der Schweiz oder im Ausland gelegentlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

Bei meinen Reisen im Inund Ausland nehme ich häufig den Zug oder den Bus. Vor einigen Jahren habe ich mal den Unterricht geschwänzt. Als ich mit dem Snowboard unter dem Arm aus dem Postauto ausgestiegen bin, hat mich jemand erkannt und dann bei meinem Lehrmeister verpetzt.  o wurde ich erwischt, obwohl ich doch extra eine besonders dicke Schicht Sonnencreme aufgetragen hatte, damit niemand sieht, dass ich an der Sonne war ...

Géraldine Fasnacht

Was bedeutet das Postauto für Sie?

In vielen Gegenden gehört das Postauto zum sozialen Leben. Das Fahrpersonal kennt die Menschen im Dorf und umgekehrt. Nach einer Fahrt abseits der Piste nehme ich das Postauto im Tal, um nach Hause zu kommen, besonders im Gebiet um Fionnay (VS). Das ist sehr praktisch.

Sie sind in Poliez-le-Grand bei Lausanne aufgewachsen, waren also nicht von klein auf von Bergen umgeben. Wie erklären Sie Ihre Leidenschaft für die weissen Gipfel?

Um mein Heimatdorf herum gibt es viel Wald, dort bin ich als Kind oft spazieren gegangen. Das hat mir die Natur nahegebracht. Von Poliez-le-Grand aus hat man einen herrlichen Blick auf die Alpen, der mir immer Lust verschafft hat, in die Berge zu gehen. Das ist nicht unbedingt der Fall, wenn man tagein, tagaus im Gebirge lebt und die Gipfel direkt vor der Nase hat.

Haben Sie Kindheitserinnerungen an das Postauto?

Ich bin jeden Tag mit dem Postauto zur Schule in Echallens (VD) gefahren, und da ging häufig die Post ab! Manchmal musste der Fahrer sogar anhalten, um uns zur Ruhe zu bringen. Das Postauto war für mich eine gemütliche Umgebung, in der ich meine Freundinnen und Freunde treffen konnte.

Bevorzugen Sie bestimmte Orte für Winterspaziergänge, die mit dem Postauto erreichbar sind?

Ich gehe gerne in die Gegend um Verbier und nach Arolla. Die Strecke ist zauberhaft. Auf der gesamten Fahrt im Postauto kann man die zauberhafte Tallandschaft bewundern. Auch bei Poliez-le-Grand kann man sehr schöne Spaziergänge machen.

Welche Projekte haben Sie im Moment?

Ich habe mehrere Projekte laufen, z.B. den im Berner Oberland gedrehten Film «La Femme Choucas» über Objektspringen. Im Februar2010 soll der Film «La Haute Route des Pentes Raides» herauskommen. Mein Mann und ich haben gemeinsam daran gearbeitet, und ich möchte ihn trotz seines Todes gern fertigstellen. Der Film zeigt Aufstieg und Abfahrt von acht Gipfeln zwischen Chamonix und Zermatt, die eine Steigung von über 45 Prozent haben, und das alles mit dem Snowboard. Vor Februar2010 habe ich noch eine zweimonatige Expedition in die Antarktis geplant. Dort werden wir zahlreiche, bislang unerforschte Hänge abfahren, kytesurfen und von einigen Felsen springen. Das hat dort bislang noch niemand gemacht! Die Expedition ist in ein pädagogisches Projekt eingebettet, das mir am Herzen liegt.

Géraldine Fasnacht

Was bedeuten Reisen für Sie?

Ich liebe es, zu reisen, unbekannte Gegenden zu entdecken und neue Menschen kennenzulernen! Ich glaube, es sind die neuen Kontakte, die mich am meisten bereichern. Die Reiselust hat mich schon in meiner Kindheit gepackt.
 

 

Sie sind ja schon viel gereist. Gibt es noch Orte, die Sie rufen?

Südamerika fasziniert mich sehr, ich würde gerne nach Argentinien gehen. Auch Mexiko und Alaska interessieren mich. Und ich möchte gerne noch einmal in den Norden zu den Inuit, das sind sehr ausgeglichene und interessante Menschen.

Sie haben Ihre sportlichen Abenteuer häufig gefilmt. Warum haben Sie das Bedürfnis, sie auf Zelluloid zu bannen?

Ich teile meine Freude und Erfahrung gerne mit anderen. Die Bilder sind mir mehr wert als die Snowboardwettbewerbe. Freeride ist für mich eher eine künstlerische Disziplin, und dank der Filme kann ich meine Leidenschaft für die Berge besser mitteilen.

Was ist Ihre schönste sportliche Erinnerung?

Ohne Zweifel mein Sieg beim Xtreme in Verbier im Jahr 2002, der ja der Höhepunkt für Freerider ist. 2003 und 2009 habe ich dann wieder gewonnen. Aber der Sieg von 2002, als ich zum ersten Mal dabei war, hat mein weiteres Leben bestimmt und mir klargemacht, dass ich mein Ziel erreichen kann. Damals wurde ein Mädchentraum wahr!