Ticino Masala

Das Tessin ist bekannt für seine Grotti und mediterrane Kochkünste. Einzig aus dem Ristorante degli Amici in Vezia (TI) bei Lugano duftet es herrlich nach Currys.

Wie alt muss man sein, um in Amerika ein Studium und die Hotelfachschule abgeschlossen zu haben, im New Yorker Nobelhotel Ritz Carlton vom Tellerwäscher zum Abteilungsleiter aufgestiegen zu sein und sich schliesslich im Tessiner Dorf Vezia als Gastronom selbstständig gemacht zu haben? Gagam Nirh, der im indischen Auranabad aufgewachsen ist, war 29, als er gemeinsam mit seiner Frau Daniela das Ristorante degli Amici in Vezia (TI) neu eröffnete.

Anfangs trauten sich die beiden kaum, indische Gerichte anzubieten. Einzig das «Chicken Tikka Masala» nach Originalrezeptvon Gagans Mutter zierte die Karte – und wurde zum Bestseller des Restaurants. Mittlerweile füllt die «Cucina della Mamma Gurmeen » eine von zwei Seiten der Speisekarte und ist der Hauptgrund dafür, dass abends aus dem ganzen Tessin Gourmetfreunde heranströmen. Schon die Vorspeisen sind so schmackhaft, dass man ihnen allein den Abend widmen möchte. «Papri Chaat» beispielsweise: süssliche Cracker, die mit Kichererbsen, Joghurt und einem herrlich säuerlichen Tamarind-Chutney frisch und würzig schmecken. Oder «Paneer Tikka»: ein mit Tandoori marinierter Frischkäse. Oder... Am besten, man ordert einen gemischten Vorspeisenteller. Der steht zwar nicht auf der Karte, aber wie sagt Gagan so schön? «Die Karte ist nur Schrift, mit uns vom Service aber kann man reden.»

Das Lokal ist modern, aber gemütlich eingerichtet. Klischeebilder aus Indien fehlen, dafür dienen unzählige Weinflaschen als Dekoration. Sie verraten Gagans grosse Leidenschaft: Weine von kleinen Produzenten aus Italien oder dem Tessin, die er häufig persönlich kennt. Zu indischen Gerichten empfiehlt er kräftige Weine, die mit der Würze der Gerichte mithalten können, etwa einen «Jo» aus Apulien mit stolzen 16,5 Volumenprozent.

Kürzlich waren zwei indische Geschäftsleute aus Neu-Delhi zu Gast. Nach dem Essen sagten sie schlicht, es hätte ihnen wie zu Hause geschmeckt. Sie hätten Gagan kein grösseres Kompliment machen können. Wir Schweizer bedanken uns einfach für ein vorzügliches Geschmackserlebnis.