Unternavigation
Weiterführende Inhalte
Sonnenhang
Jedes Stadthaus würde vor dem Teint eines Hasliberger Chalets vor Neid erblassen. Solarium? Kaspar Nägeli muss es wissen. Seine Familie wohnt seit immerhin 447 Jahren in solch einem braungebrannten Bauernhaus. Er sagt, dass die Sonne das Fichtenholz der Fassade über Jahrhunderte gegerbt habe, und die Sonne, die scheine halt reichlich auf den Südhang des Haslitals.
Die Bauernchalets sind die stillen Ahnen am Hasliberg. Markant heben sie sich im Winter von der Schneelandschaft ab und bilden hier und dort kleine Weiler. Ihre langen Giebeldächer vermitteln Geborgenheit, wie auch das warme Licht, das abendsc aus ihren Sprossenfenstern dringt. Allerdings zeugen sie nicht nur von einer sonnigen Vergangenheit, sondern auch vom einst abgeschiedenen und entbehrungsreichen Leben am Hasliberg. Bescheidener Wohlstand kam erst mit der Erschliessung des Haslibergs durch die Strasse zum Brünigpass und den dadurch einsetzenden Fremdenverkehr im 20. Jahrhundert auf.
Die Fremden schätzten hier neben der Sonne das grandiose Alpenpanorama: Grimsel- und Sustengebiet im Osten, Engelhörner, Wetterhorn und Eiger im Süden, Brienzersee im Westen. Dort übrigens herrscht im Winter manchmal Morgennebel. Kein Wunder, nehmen Hotelgäste und Freizeittouristen dann das Postauto, um sich unter der Sonne des Haslibergs auf 60 Kilometern Skipiste, einer Langlaufloipe, zwei Schlittelwegen oder 35 Kilometern Winterwanderwegen auszutoben.
So ist das Postauto, das mehrmals täglich von Brienz via Brünig bis in den hintersten Weiler Hasliberg Reuti fährt, ein gern gesehener Gast. Nicht nur als Zubringer, wie Roland Frutiger, Leiter der hiesigen Schneesportschule, betont, sondern auch als Shuttlebus zwischen den verschiedenen Weilern und den beiden Talstationen. Zudem passe das Postauto zur Bodenständigkeit und Bescheidenheit der Hasler. «Bei uns gibts keinen Glamour», sagt Frutiger, der mit 14 Jahren das erste Mal auf einem Gipfel der Engelhörner stand. Mit den vielen Kinderangeboten, wie das mitten im Skigebiet gelegene «Skihäsliland», richte sich das Skigebiet Meiringen-Hasliberg vor allem an Familien.
Bei der Planung des «Skihäsliland» traf der Meiringer Frutiger denn auch den Hasliberger Nägeli, dessen Weideland er für die Piste brauchte. Früher hätten sich die beiden darob vielleicht die Melkschemel über die Rübe gehauen. Mittelalterliche Quellen berichten von regelmässigen Streitigkeiten zwischen den «Bauern am Berg» und den Talbewohnern. Heute aber sitzen alle Hasler im gleichen Boot: Sie leben vom Tourismus. Auch Kaspar Nägeli stellte 1993 endgültig den Melkschemel beiseite, um als gelernter Zimmermann Kammer für Kammer des Hofes in lauschige Hotelzimmer zu verwandeln – während seine Frau meisterhaft den Kochlöffel schwang. So ist das bis heute. In der Stube des «Gasthofs zur Post» tickt die Pendeluhr, am Stammtisch sitzt der Käser, der Mutschlikäse aus dem Tal gebracht hat. Zum Glück halten sie zusammen, die Hasler.
