Hans Martin Enz

Hans Martin Enz (50)

PostAuto-Fahrer und Pfarrer

Das tönt jetzt vielleicht etwas eigenartig für einen Pfarrer, aber ich brauche viel Abwechslung. Das war schon während meiner Kindheit in Buchs (SG) so. Nach der Schule bin ich mit dem Velo immer zum Bauern Moser gefahren, um auf dem Hof zu helfen. Nicht etwa, weil ich Sackgeld brauchte. Auch nicht, weil mich die Schule nervte. Der Grund war einfach, dass mir Abwechslung schon damals guttat und ich die Arbeit auf dem Bauerhof einfach mochte. Heute ist das ähnlich: Ich arbeite zu 70% als Pfarrer in Steinach (SG) und die restlichen 30% bin ich PostAuto-Fahrer in Engelburg (SG) und in Scuol (GR). Klar gibt es Leute, die sagen: «Pfarrer muss man doch immer sein, man kann doch nicht Teilzeitpfarrer sein.» Dabei fahre ich schon länger Postautos, als ich Pfarrer bin. Als Student habe ich mit einem Freund zusammen ein altes FBW-Schnauzenpostauto mit Baujahr 1958 gekauft, um damit Cevi-Jugendlager zu veranstalten. Das war ein Spass! Wenn ich die Halbgangschaltung nicht genau traf, ratterte es im Getriebe. Ganz zu schweigen von der strengen Lenkung. Da der Oldtimer teuer im Unterhalt war, fing ich an, im Nebenerwerb Postauto zu fahren. Am wichtigsten ist jedoch, dass ich als Pfarrer davon profitiere, wenn ich nebenbei Postauto fahre. So erlebe ich, wie Menschen als Pendler frühmorgens und abends nach der Arbeit aussehen oder wie sie sind, wenn sie vom Ausgang heimkehren. Zudem nehme ich als PostAuto-Fahrer – zumindest zeitweise – am ganz normalen Schweizer Erwerbsleben teil. Es gilt aber auch das Umgekehrte: Als PostAuto-Fahrer profitiere ich von meiner Arbeit als Pfarrer. Ich bin geübt im Umgang mit Menschen, und das spüren hoffentlich auch meine Fahrgäste. Auf jeden Fall habe ich schon manche Pause im Gespräch mit einem Fahrgast verbracht.