PostAuto-Fahrer und Bartweltmeister

Ich bin Bartweltmeister. Den Titel habe ich mir letzten Mai in Alaska geholt. Im Linthgebiet bin ich seitdem kein Unbekannter mehr. «Schön, dass wir die Ehre haben, mit dem Weltmeister mitzufahren», witzeln manche Kunden, wenn sie bei mir ins Postauto einsteigen.

An der Bartweltmeisterschaft traten 300 Bartträger aus aller Welt gegeneinander an. Zur Jury gehörten neben Coiffeuren auch eine Bierkönigin sowie die oberste Richterin von Anchorage. In letzter Sekunde gewann ich vor einem deutschen Rivalen. Es gab 36 Kategorien, meine hiess «Vollbart Verdi», weil ich einen Bart trage, wie ihn der berühmte italienische Komponist hatte: unten rund und voll, oben mit sorgfältig frisiertem Schnauz.

Ich habe schon über 20 Bartwettbewerbe bestritten. Was mir an der Sache am besten gefällt, ist das Reisen. Darum bin ich auch vor 20 Jahren PostAuto-Fahrer geworden, denn schon damals war ich gerne unterwegs. Beim Fahren fühle ich mich frei, es wird mir nie langweilig. Meine aufregendste Tour war eine ausserdienstliche: 2003 donnerte ich mit einem ausrangierten Postauto, das ein Kollege in die USA hatte verschiffen lassen, durch die Wüste von Nevada.

Bei vielen Fahrgästen erweckt der Bart das Gefühl, ich sei «en Gmüetliche». Das trifft zu. Ich bemühe mich stets um eine gewisse «Wöhli» bei mir im Postauto, damit sich meine Fahrgäste gut fühlen.

Acht Jahre sind nun vergangen, seit ich mich an einem Schwingerfest dazu überreden liess, den «Verdi» wachsen zu lassen. Meine Frau Vreni kann mit dem «Verdi» nicht viel anfangen. Sie würde lieber eine rasierte Wange küssen. Ihr zuliebe spiele ich schon mal mit dem Gedanken, ihn abzuhauen. Dann schaue ich auf die vielen Auszeichnungen, die mir der Bart eingebracht hat – und mache einen Rückzieher.