Reto Casty
«Früher Boxenstopps, heute Haltestellen.» Reto Casty, PostAuto-Fahrer und Formel-1-Roadie

Schon mein Vater war Chauffeur. Er fuhr Mineralwasser: von Vals nach Ilanz. Die Valserstrasse, das ist eine schwierige Strecke mit schmalen Passagen, engen Kurven und der steilen Glennerschlucht auf der Seite. An schulfreien Nachmittagen sass ich immer auf dem Beifahrersitz. Dann kam das Militär. Endlich konnte ich selbst den grossen Ausweis machen. Danach half ich beim Vater aus. Nun sass manchmal er auf dem Beifahrersitz – und gab mir Tipps. Getränkeharassen sind eine heikle Ladung, wegen der Gewichtsverlagerung in den Kurven. Da muss man fein fahren, sachte bremsen, sanft kuppeln. Diese Erfahrung hilft mir noch heute.

Bevor ich PostAuto-Fahrer wurde, war ich Roadie in der Formel 1. Der Chefmechaniker bei Sauber war Bündner wie ich. Das passte. Er stellte mich 2002 als Chauffeur ein und erfüllte mir damit einen Traum. Allerdings beschränkte sich meine Arbeit nicht auf den Transport der Rennautos. Ich war auch «Tireman», musste frühmorgens Reifen sortieren, anschreiben, aufwärmen – ich hatte pro Rennen sicher 100 Reifen in der Hand. Beim Boxenstopp war ich fürs Entfernen des Reifens vorne links verantwortlich. Das musste fix gehen, sonst gab’s Ärger. Nach zwei Jahren hatte ich genug. Die langen Arbeitstage, das viele Reisen – vor allem aber meldete sich der Heimwehbündner in mir. Ich vermisste meine Familie und meine Freunde in Trin.

Über einen Kollegen meines Vaters kam ich zu PostAuto. Früher haben mich die Leute gefragt, ob ich nicht Angst hätte, teure Rennautos zu transportieren. Heute fragt mich niemand mehr. Dabei sind Menschen doch viel wertvoller als Rennautos. Auf jeden Fall mag ich Menschen. Das ist wichtig als PostAuto-Fahrer, vor allem, wenn ich Pauschalreisen fahre. Das mache ich etwa zwei Mal im Jahr, sonst fahre ich im Linienverkehr. Und die Formel 1? Der bin ich immer noch treu. Jeden Winter helfe ich bei den Tests in Spanien als Roadie im Sauber-Catering aus.

Bild: M. Forte